Es gibt einen Moment, den viele Gründer in den letzten zwei Jahren erlebt haben. Ein Container steckt irgendwo fest. Ein Zollbescheid landet im Postfach, dessen Auswirkungen noch niemand vollständig versteht. Oder der Lieferant schickt eine E-Mail mit drei Worten Inhalt und fünf Wochen Verzögerung. Und in diesem Moment fragt man sich: Warum ist meine Lieferkette eigentlich so weit weg?
Die Antwort darauf war jahrelang dieselbe: weil es billiger war. Produktion in Asien, Versand per Container, hohe Margen. Das Modell hat funktioniert – so lange die Welt stabil blieb. Sie war es nicht.
Nearshoring – die Verlagerung von Produktion oder Beschaffung in geografisch nahe Regionen – ist keine Modeerscheinung. Es ist eine strukturelle Antwort auf eine strukturell veränderte Welt.
Was sich seit 2025 fundamental verschoben hat
Wer den Nearshoring-Artikel aus dem Sommer 2025 kennt, weiß: Die Argumente lagen damals schon auf der Hand. Pandemieerfahrungen, Containerengpässe, geopolitische Unsicherheit. Das alles stimmt noch – aber es ist nicht mehr das Wichtigste.
Was sich seither verändert hat, ist konkreter.
Die Zolllandschaft ist eine andere. Am 2. April 2025 verhängte die US-Regierung pauschale Importzölle auf nahezu alle Handelspartner – intern „Liberation Day“ getauft. Für EU-Produkte galt zunächst ein Basissatz von 10 %, mit angedrohten Eskalationen bis 50 %. Nach monatelangen Verhandlungen einigte man sich im Juli 2025 auf 15 Prozent Zoll auf EU-Exporte in die USA – ein Deal, der Planungssicherheit brachte, aber die Realität nicht wegdiskutiert. Das Institut der deutschen Wirtschaft schätzt die Belastung für die deutsche Volkswirtschaft auf durchschnittlich 16 Milliarden Euro jährlich zwischen 2025 und 2028.
Für E-Commerce-Brands bedeutet das nicht zwangsläufig direkten Umsatzverlust – aber es bedeutet, dass globale Lieferketten teurer, langsamer und unberechenbarer geworden sind. Und Unberechenbarkeit ist das, was Margen zerstört.
Die Regulierung wurde verbindlich. Die EU-Lieferkettenpflichten aus der CSDDD (Corporate Sustainability Due Diligence Directive) sind seit 2026 in Kraft. Wer Waren aus Drittländern bezieht, muss Sorgfaltspflichten für Menschenrechte und Umweltstandards entlang der gesamten Lieferkette nachweisen – dokumentiert, prüfbar, wiederholbar. Das ist kein PR-Thema. Es ist ein Compliance-Thema. Und Compliance kostet – an Zeit, Dokumentation und Haftungsrisiko.
Nearshoring innerhalb der EU oder in EU-angrenzende Regionen verkürzt diese Dokumentationslast erheblich. Nicht weil europäische Lieferanten automatisch bessere Standards haben – sondern weil sie unter denselben regulatorischen Rahmenbedingungen arbeiten. Prüfpfade sind kürzer. Risiken sind sichtbarer. Reaktionszeiten sind schneller.
Temu, Shein und das Ende des Kleinst-Paketprivilegs. Parallel dazu hat die EU 2025 begonnen, den Sonderstatus von Kleinsendungen unter 150 Euro aus Drittländern zu regulieren. Was chinesische Plattformen jahrelang als strukturellen Preisvorteil genutzt haben – zollfreie Direktsendungen an EU-Konsumenten – verliert seinen Schutz. Für EU-basierte D2C-Marken bedeutet das: Ein strukturell unfairer Wettbewerbsnachteil schrumpft. Wer sauber produziert und EU-nah lagert, steht besser da als in jedem Jahr zuvor.
Was Nearshoring wirklich bedeutet – und was nicht
Nearshoring bedeutet nicht, dass du morgen deine Produktion nach Polen verlegst. Und es bedeutet nicht, dass Herstellung in Asien per se falsch ist.
Es bedeutet, strategisch zu verstehen, welche Teile deiner Lieferkette Nähe brauchen – und welche sie entbehren können.
Ein Beispiel: Eine Modemarke, die Basisware in stabilen Mengen aus Portugal bezieht und Sonderanfertigungen flexibel aus Indien, hat eine sinnvolle Nearshoring-Struktur. Sie nutzt Preisstabilität wo möglich – und Marktnähe wo es zählt.
Ein anderes Beispiel: Eine Food-Brand, die Rohstoffe aus Peru importiert, aber Abfüllung und Verpackung in Deutschland erledigt, hat bereits ein Nearshoring-Element gebaut – ohne es so zu nennen.
Laut einer Analyse von SupplyChainBrain, für die 800 Unternehmen befragt wurden, haben 55 % der EU-basierten Unternehmen im vergangenen Jahr ihre Einkäufe bei regionalen oder Nachbarland-Lieferanten erhöht. Weitere 60 % planen laut der Studie langfristiges Nearshoring. Das ist kein Trend-Rauschen. Das ist eine strukturelle Verschiebung.
Und laut McKinsey Supply Chain Pulse Survey 2023 planen 66 % der befragten Unternehmen, ihre Lieferanten näher an ihre Hauptmärkte zu verlagern – ein Anstieg um 34 Prozentpunkte gegenüber 2022. Die Richtung ist eindeutig.
Der Unterschied zwischen Resilienz-Argument und Realität
Hier ist ein Gedanke, der selten laut ausgesprochen wird: Viele Nearshoring-Entscheidungen werden mit Resilienz begründet – aber in Wahrheit geht es um etwas Schlichteres.
Regulatorische Compliance als Beschaffungsstrategie.
Wer EU-nah produziert oder beschafft, kauft sich Compliance-Simplizität. Die EUDR (EU Deforestation Regulation), die EU-Verpackungsverordnung (PPWR), die CSDDD – all diese Regulierungen erzeugen Dokumentationspflichten, die mit einem europäischen Lieferantennetzwerk strukturell einfacher zu erfüllen sind. Nicht weil man Kontrollen umgeht. Sondern weil man näher an den Prüfpfaden ist.
Für Brands, die heute noch vollständig auf Fernost-Lieferketten setzen, wächst nicht nur das operative Risiko. Es wächst auch das Compliance-Risiko – und das wird in den nächsten Jahren teurer, nicht billiger.
Was das für die Wahl des Fulfillment-Partners bedeutet
Es gibt einen Aspekt von Nearshoring, der regelmäßig übersehen wird: Die Strategie macht nur Sinn, wenn das gesamte Modell auf Nähe ausgerichtet ist – also auch das Lager.
Wer Produktion von Asien nach Polen verlagert, aber weiterhin ein Fulfillment-Center nutzt, das in Container-Volumina denkt und Mindestmengen als Grundbedingung stellt, hat Nearshoring halb gemacht. Die Flexibilität, die in der Beschaffung gewonnen wurde, verpufft am Lagertor.
Ein Fulfillment-Partner für eine Nearshoring-orientierte Brand muss in denselben Zeitskalen denken: Wochen, nicht Quartale. Kleine, häufige Lieferungen statt halbjährliche Containerentladungen. Schnelle Produktwechsel, wenn Lieferanten wechseln oder Sortimente rotieren. Lagerhaltung, die mit der Flexibilität der Beschaffung mitdenkt – nicht gegen sie.
Das ist keine Frage der Größe des Fulfillment-Partners. Es ist eine Frage der Struktur. Große Logistikdienstleister sind für Stabilität optimiert – standardisierte Prozesse, hohe Volumina, langsame Anpassung. Das ist nicht falsch. Es ist nur das Gegenteil von dem, was Nearshoring strategisch ermöglicht.
Wer echte Flexibilität in der Beschaffung aufbaut, braucht denselben Ansatz in der Logistik. Einen Partner, der das tägliche Geschäft versteht, nicht nur den Rahmenvertrag. Einen, der weiß, was in deinem Lager liegt – weil er selbst im Lager steht, nicht weil er ein Dashboard beobachtet. Was Boutique Fulfillment in der Praxis bedeutet.
Solche Partner existieren. Sie füllen keine LinkedIn-Timelines mit Wachstumszahlen. Aber wenn du sie findest, merkt man es – an der Qualität jedes einzelnen Pakets, und an der Geschwindigkeit, mit der sie auf Änderungen reagieren, die kein Softwaresystem vorhergesagt hat.
Die Frage, die du dir heute stellen solltest
Nearshoring ist kein Alles-oder-Nichts-Entscheid. Es ist eine Skala. Und die wichtigste Frage ist nicht „Soll ich nearshoren?“ – sondern: Welche Teile meiner Lieferkette machen mich gerade unnötig verwundbar?
Wenn ein einziger Hafenstreik, ein einziger Zollbescheid oder ein einziger Lieferantenausfall dein Geschäft für Wochen lahmlegen kann – dann ist das keine Frage der Risikobereitschaft. Es ist eine Frage der Konstruktion.
Die Welt ist unberechenbarer geworden. Lieferketten, die das ignorieren, zahlen den Preis irgendwann. Die Frage ist nur wann.
Häufige Fragen zu Nearshoring
Was ist der Unterschied zwischen Nearshoring, Offshoring und Reshoring?
Offshoring bedeutet, Produktion oder Beschaffung in weit entfernte Länder zu verlagern – klassisch Asien – primär aus Kostengründen. Nearshoring verlagert diese Aktivitäten in geografisch nahe Länder: für deutsche Unternehmen zum Beispiel Polen, Portugal, Tschechien oder die Türkei. Reshoring ist die Rückverlagerung ins eigene Land. Für D2C-Marken ist Nearshoring meistens der pragmatischste Schritt: kürzere Lieferketten, ohne die Kostenvorteile von Offshore vollständig aufzugeben.
Welche Länder eignen sich für Nearshoring aus Deutschland?
Innerhalb der EU bieten sich Portugal (Textil, Leder, Accessoires), Polen (breites Spektrum, hohe Fertigungsqualität), Tschechien und Rumänien an. Außerhalb der EU, aber geografisch nah: Türkei und Marokko – beide mit starker Textilindustrie und kurzen Vorlaufzeiten nach Deutschland. Die Wahl hängt stark von der Produktkategorie ab: Modeschmuck, Kosmetik, Lebensmittelverarbeitung und Verpackung haben unterschiedliche Anforderungen an Zertifizierungen und Infrastruktur.
Ist Nearshoring teurer als Offshoring?
In der reinen Lohnkostenbetrachtung: oft ja. In der Gesamtrechnung – Transport, Zölle, Mindestbestellmengen, Lagerkosten, Reaktionszeit, Compliance-Aufwand und Risikopuffer – häufig nein. Wer in kleinen, häufigen Chargen produziert statt in großen Containermengen, spart oft mehr durch geringere Kapitalbindung und Lagerkosten als er durch niedrigere Fertigungslöhne gewinnt. Die EU-Zölle auf Drittlandimporte und die CSDDD-Compliance-Kosten haben dieses Verhältnis seit 2025 weiter zu Gunsten des Nearshoring verschoben.
Was hat die CSDDD mit meiner Beschaffungsstrategie zu tun?
Die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) ist seit 2026 in Kraft und verpflichtet Unternehmen ab einer bestimmten Größe, Menschenrechts- und Umweltrisiken entlang ihrer gesamten Lieferkette zu prüfen und zu dokumentieren. Wer aus Asien oder anderen Drittländern bezieht, muss deutlich aufwändigere Prüfprozesse nachweisen als bei EU-Lieferanten, die unter denselben Regularien operieren. Praktisch bedeutet das: Nearshoring reduziert den Compliance-Aufwand strukturell – nicht weil EU-Lieferanten automatisch besser sind, sondern weil die Dokumentationspfade kürzer und prüfbarer sind.
Lohnt sich Nearshoring auch für kleine D2C-Brands?
Ja – und oft mehr als für große. Kleine Brands mit Spezialitäten oder klarer Markenpositionierung profitieren überproportional von kürzeren Vorlaufzeiten, niedrigeren Mindestbestellmengen und der Fähigkeit, schnell nachzuproduzieren wenn ein Produkt funktioniert. Was Nearshoring für kleine Brands schwieriger macht: die Suche nach geeigneten Lieferanten erfordert Zeit und oft persönliche Beziehungen. Wer in Produktkategorien unterwegs ist, in denen europäische Produktion eine Rolle für die Markenstory spielt – Naturkosmetik, Lebensmittel, Handwerk – hat zusätzlich einen Storytelling-Vorteil, den kein Offshoring-Lieferant replizieren kann.
Weiterführende Links:
D2C-Guide: Was ist Direct-to-Consumer und was bedeutet es für deine Marke?
Nachhaltiges Fulfillment: Was 2026 wirklich zählt – und was nur so klingt
Fulfillment outsourcen: Wann es sinnvoll ist – und worauf du achten solltest
D2C Fulfillment: Erfolgreiche Logistik für Direct-to-Consumer Produkte